Perfektion und Anpassung anstatt Ausdruck!
- Julia Finis

- 8. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Style dich wie du dich wohl fühlst, lauf so schnell du kannst, schreib deine eigenen Zeilen nieder, erschaffe ein Kunstwerk, tanze frei, lach laut und singe als würde keiner zuhören. Dem Ausdruck unserer Persönlichkeit sind keine Grenzen gesetzt.
Ach wirklich?
Meiner Erfahrung nach gibt es in unserem Leben einen nur sehr begrenzten Zeitraum in dem ein Outfit wie Gummistiefel in Kombination mit Sommerkleid wunderbar ästhetisch wirkt, Bilder frei aus der Phantasie zum Leben erweckt werden, man sich wie der schnellste Läufer fühlt, tanzen nicht peinlich, herzhaftes Lachen normal und Singen als Freude des Ausdrucks genutzt wird.
Unsere Kindheit: Eine kurze Phase in der wir uns auf die Welt vorbereiten sollten, frei von Perfektionismus und Anpassung. Manche von uns konnten diese Zeit wohl behütet ausleben und sich entdecken, nur was ist mit dem Rest der erwachsen gewordenen Kinder denen dieses Privileg nicht geboten wurde? „Du bist genau richtig so wie du bist“ ist ein Satz, der keinesfalls eine Selbstverständlichkeit der Vergangenheit für jeden war.
Der Vergleich kommt mit der Bewertung und diese kommt anfangs vom Außen. Von den Eltern, der Schule, den Nachbarn, der Freunde. Der Selbstausdruck wird gemaßregelt, der Kreativität Grenzen gesetzt und langsam wenden wird uns immer mehr von dem Ursprung ab, der uns von Toten unterscheidet - der Lebendigkeit.
Schon sehr früh werden wir mit Malwettbewerben, Stoppuhren, Noten und diversen Castingshows konfrontiert, die klar zeigen, wie „schlecht“ wir eigentlich sind. Fehlt in dieser sensiblen und einprägsamen Phase der nötige Halt, kann das langwierige Folgen haben.
Während meiner langjährigen Arbeit als Mentorin finden meine erwachsenen Schüler immer wieder die Wurzeln ihrer negativen Selbstbewertung in der Kindheit. Doch nicht inmitten stundenlanger Gespräche, sondern in kürzester Zeit durch ihre eigene Stimme.
Kaum eine Leidenschaft ist so mit Scham belastet wie das Singen. Wenn wir unsere Stimme zum Ausdruck bringen, ist es für viele wie eine Zeitreise der Emotionen. Momente in denen wir uns blamiert haben werden im XXL Format erneut durchlebt, negative Glaubenssätze sind laut wahrnehmbar, das Selbstwertproblem übernimmt die Kontrolle und plötzlich fühlen wir uns ausgeliefert. Das ist jedoch von unserem System keineswegs böse gemeint, sondern dient als Schutzprogramm.
Denn die Stimme lässt sich weder von Verfälschung noch Zwang beeindrucken. Sie lässt sich nicht blenden durch Anpassung oder Perfektionismus. Sie ist der direkte Ausdruck unseres Wesens und wenn sich die Schatten der Vergangenheit so klar zeigen, kann man sie wie ein Ghostbuster am Schopf packen und mit Liebe und Dankbarkeit be -singen, nicht be -kämpfen. Eine sanfte Form der Persönlichkeitsentwicklung mit enormer Wirkung hin zur Selbstermächtigung, -akzeptanz, -bewusstsein, und Selbstvertrauen. Daher ist es so wichtig Kinder schon in jungen Jahren zum Singen zu ermutigen. Ohne Bewertung! Denn jeder kann singen und sollte es aus psychologisch und physiologisch fundierten Gründen heraus auch tun. Frei nach dem Motto „es gibt keine falschen Töne, wenn dann sind es nur andere Töne“. Ein Leitsatz aus meiner Arbeit, den meine Schüler immer wieder von mir hören und im Übertragenen Sinne den Mut frei setzt, Fehler machen zu dürfen ohne jegliche Konsequenzen.
Ich habe aus der Essenz meiner Arbeit einen knapp zweistündigen Onlinekurs erstellt, der Menschen weg von Perfektionismus und Anpassung zurück in ihre Leichtigkeit und Ausdrucksfreude bringt. Denn jede Stimme ist einzigartig wie wir es sind und das darf gelebt werden.
Deine Julia

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